Wenn im Mai die Biergärten unter alten Kastanien öffnen, beginnt in Franken die schönste Zeit des Jahres. Spargel aus dem Knoblauchsland liegt auf den Tellern, der erste Bärlauch würzt die Bratensoßen, und in den Kellern reifen die Bockbiere aus der Winterproduktion. Die fränkische Wirtshauskultur ist in diesen Wochen besonders lebendig – zwischen Würzburg, Bamberg und Bayreuth öffnen sich Stubentüren, hinter denen sich kaum etwas verändert hat.
Fünf Adressen, die zeigen, warum diese Küche zu den ehrlichsten Deutschlands zählt. Schäufele mit krosser Schwarte, Blaue Zipfel im Essigsud, selbstgemachte Bratwürste über Buchenholz – und dazu ein Seidla aus dem Steinkrug. Es ist Zeit, die Schürze beiseitezulegen und eine Serviette zu binden.
Was die fränkische Wirtshausküche ausmacht
Franken ist kulinarisch eigenständig, auch wenn es zu Bayern gehört. Statt Weißwurst und Leberkäs stehen hier Schweinebraten mit Kloß, Sauerbraten mit Lebkuchensoße und Karpfen in den Monaten mit „r" im Namen auf der Karte. Die Region zählt die höchste Brauereidichte der Welt – allein rund um Bamberg arbeiten mehr als siebzig Brauereien, viele davon in Familienhand seit Generationen.
Die Produkte stammen meist aus dem Umkreis von wenigen Kilometern. Rindfleisch vom Frankenvieh, Karpfen aus den Aischgründer Teichen, Meerrettich aus Baiersdorf, Zwiebeln aus Bamberg. Diese Nähe prägt den Geschmack: direkt, kräftig, ohne Schnörkel. Im Mai kommen frische Akzente dazu – grüner Spargel, junge Kartoffeln, der erste Rhabarber.
Fünf Wirtshaustipps zwischen Main und Regnitz
1. Schlenkerla in Bamberg
Die historische Brauereigaststätte in der Dominikanerstraße ist seit dem 15. Jahrhundert in Betrieb und serviert das berühmte Aecht Schlenkerla Rauchbier direkt vom Holzfass. Der rauchige Geschmack entsteht, weil das Malz über offenem Buchenholzfeuer gedarrt wird – eine Tradition, die anderswo längst verschwunden ist. Dazu passt das Bamberger Zwiebel, eine mit Hackfleisch und Rauchbier gefüllte Zwiebel auf Kartoffelpüree. Wer zum ersten Mal hier sitzt, sollte das Bier langsam angehen lassen: Der Geschmack erinnert an geräucherten Schinken und braucht drei, vier Schlucke, bis er sich erschließt. An warmen Maitagen quillt die Gasse vor der Tür über, drinnen bleibt es kühl unter den tiefen Gewölben.
2. Gasthaus zum Schwarzen Adler in Kronach
Ein Wirtshaus, wie es sich gehört: dunkle Holzvertäfelung, Kachelofen, Tischwäsche aus Leinen. Die Familie betreibt das Haus in der Oberen Stadt seit mehreren Generationen und kocht fränkische Klassiker ohne Kompromisse. Der Schäufele wird hier zweieinhalb Stunden bei niedriger Temperatur gegart, dann unter hoher Hitze fertig geknuspert – die Schwarte splittert beim Anschnitt wie dünnes Eis. Dazu Kloß halb und halb, dunkle Bratensoße, ein Klecks Meerrettich. Im Frühjahr steht außerdem Bärlauchsuppe auf der Karte und Lammbraten aus der Region.
3. Weinstube Juliusspital in Würzburg
Das Juliusspital ist eines der ältesten Weingüter Deutschlands und gleichzeitig eine Stiftung, deren Erträge dem Spital zugutekommen. Die Weinstube im Barockgebäude serviert fränkische Küche auf hohem Niveau, begleitet von Silvanern aus den eigenen Lagen am Würzburger Stein. Empfehlenswert im Mai: gebackener Mainfisch mit Spargel und Bärlauchkartoffeln. Die Silvaner zeigen sich hier von ihrer besten Seite – mineralisch, trocken, mit einer feinen Säure, die zum Spargel ideal passt. Der Bocksbeutel auf dem Tisch ist kein Touristenklischee, sondern fränkische Identität seit 1728.
4. Brauereigasthof Spezial in Bamberg
Das zweite Rauchbierhaus Bambergs, etwas weniger bekannt als das Schlenkerla, dafür noch ursprünglicher. Die Familie Merz betreibt Brauerei und Wirtshaus seit mehreren Generationen, oben im Haus gibt es sogar einfache Gästezimmer. Auf den Tisch kommen Blaue Zipfel – Bratwürste in Essigsud mit Zwiebeln und Gewürzen –, fränkischer Sauerbraten und hausgemachte Krautwickerl. Das Spezial-Rauchbier ist milder als das Schlenkerla, fast süßlich im Abgang. Wer länger bleibt, trifft Einheimische, die hier seit Jahrzehnten ihren Stammtisch haben. Handys sind an den Holztischen nicht verboten, wirken aber fehl am Platz.
5. Gasthaus Rottner in Nürnberg
Etwas außerhalb der Nürnberger Innenstadt, in Großreuth, kocht Stefan Rottner eine fränkische Küche, die Tradition und Gegenwart verbindet. Der Sauerbraten vom Frankenvieh reift fünf Tage in Rotweinbeize und wird mit einer Soße aus Lebkuchen und Pflaumen serviert. Im Mai ergänzen grüner Spargel mit gekochtem Schinken und Schmorgurken mit Dill die Karte. Das Haus ist im Guide Michelin geführt, bleibt aber ein Wirtshaus mit Biergarten unter alten Linden. Die Nürnberger Rostbratwürste – Stefan Rottner macht sie selbst – gehören zu den besten der Stadt.
Was im Mai auf den Tisch gehört
Die fränkische Saisonküche folgt einem klaren Rhythmus. Im Mai steht der Spargel im Mittelpunkt, vor allem aus dem Knoblauchsland bei Nürnberg, einem der ältesten Anbaugebiete Süddeutschlands. Dazu kommen Bärlauch aus den Auwäldern entlang des Mains, junger Rhabarber für Kompott und Kuchen, die ersten Erdbeeren aus Franken.
Fleischseitig bestimmen Lammbraten zum Muttertag, Kalbstafelspitz und gefüllte Kalbsbrust die Speisekarten. Fisch spielt eine kleinere Rolle, denn die Karpfensaison endet im April – dafür kommen Forellen und Saiblinge aus den Oberfränkischen Teichen. Ein typisches Maigericht ist Spargel mit Bamberger Hörnla, einer kleinen, länglichen Kartoffelsorte, die zum Slow-Food-Passagier des Geschmacks gehört.
Accords Bier und Wein
Franken ist das einzige deutsche Bundesland, in dem Bier und Wein gleichberechtigt am Tisch stehen. Zum Schäufele passt ein dunkles Kellerbier aus der Fränkischen Schweiz – malzig, mit moderater Hopfung, um die kräftige Bratensoße zu tragen. Zu Blauen Zipfeln empfiehlt sich ein helles Lagerbier, das den Essigsud auffängt, ohne ihn zu übertönen.
Beim Spargel führt in Franken kein Weg am Silvaner vorbei, trocken ausgebaut, idealerweise aus den Lagen Würzburger Stein oder Escherndorfer Lump. Seine diskrete Säure und die leicht erdige Note harmonieren mit dem leicht bitteren Ende des Spargels. Wer alkoholfrei bleiben möchte: fränkischer Apfelsaft aus alten Streuobstwiesen, sortenrein gekeltert, ist eine ernstzunehmende Alternative.
Hintergrund: warum die fränkische Küche überlebt hat
Anders als viele regionale Küchen Deutschlands hat sich die fränkische Tradition weitgehend bewahrt – nicht aus Folklore, sondern weil die Wirtshäuser ökonomisch funktionieren. Die hohe Brauereidichte sichert die Biervielfalt, die Direktvermarktung aus der Landwirtschaft die Produktqualität. Viele Höfe liefern seit drei, vier Generationen an dieselben Gasthäuser.
Die jüngere Generation fränkischer Köche greift die Klassiker auf, ohne sie zu verfremden. Schäufele bleibt Schäufele, aber das Tier stammt aus artgerechter Haltung und wird vollständig verwertet. Die Beilagen werden leichter, die Soßen weniger eingedickt. Eine stille Modernisierung, die die Substanz respektiert – und genau das, was die fränkische Wirtshausküche von reiner Nostalgie unterscheidet.
Häufig gestellte Fragen
Wann ist die beste Zeit für einen Wirtshausbesuch in Franken?
Mai und Juni für Spargel und Biergartensaison, September und Oktober für Zwiebelkuchen und Federweißen, November bis März für Schäufele, Gans und Karpfen. Die klassische Karpfensaison läuft von September bis April – in den Monaten mit „r" im Namen.
Muss man in fränkischen Wirtshäusern reservieren?
In den bekannten Adressen wie Schlenkerla oder Juliusspital ist eine Reservierung am Wochenende und zur Spargelzeit zu empfehlen. In ländlichen Gasthäusern genügt meist ein Anruf am Vormittag. Biergärten sind grundsätzlich ohne Reservierung zugänglich.
Was ist der Unterschied zwischen Kloß halb und halb und einem Semmelkloß?
Der fränkische Kloß halb und halb besteht zu gleichen Teilen aus gekochten und rohen Kartoffeln, teilweise mit einem Brotwürfel in der Mitte. Er ist fester und stärker in der Textur als ein reiner Semmelkloß und saugt die Bratensoße besser auf.
Sind fränkische Wirtshäuser auch für Vegetarier geeignet?
Im Frühjahr durchaus, dank Spargel, Bärlauchgerichten, Kartoffelsuppe und Zwiebelkuchen. Ganzjährig stehen meist Käsespätzle, Kartoffelpuffer und Kloß mit Soße auf der Karte. Vegane Optionen sind hingegen selten und sollten vorab erfragt werden.
Wie erkennt man ein authentisches fränkisches Wirtshaus?
An der handgeschriebenen oder wöchentlich wechselnden Karte, an Bieren aus der Region statt Großbrauereien, an Tischwäsche aus Stoff und an Stammgästen am Nebentisch. Auch die Preise sind ein Hinweis: Ein Schäufele unter fünfzehn Euro deutet auf ernsthafte Kalkulation mit regionalen Produkten hin.



